Kalokagathia- Das Ideal zur Vollkommenheit

Von Jan Markus Adams

Der Text dient als Vorlage eines Vortrages, der am 17. 05. 2017 unter dem Titel “Fitness versus Slackness- Wie Sie sich als Unternehmer*in stark machen können” gehalten wurde

“No man has the right to be an amateur in the matter of physical training. It is a shame for a man to grow old without seeing the beauty and strength of which his body is capable.”

(Sokrates, 469- 399 v. Chr.)

Sokrates, einer der berühmtesten Philosophen der Weltgeschichte, war bekannt für seine Leistungen als Denker. Dazu getrieben wurde er angeblich von seiner Ehefrau Xanthippe, die als zänkisches Weib beschrieben wird, vor dem Sokrates fliehen wollte. Also suchte er Zuflucht auf dem attischen Marktplatz und diskutierte mit anderen Männern über die Belange des Menschen. Sein Schüler Platon verwendet die Gestalt des Sokrates in seinen Lehrreden um die eigenen philosophischen Ansichten zu verbreiten. Dazu ließ er Sokrates eine spezielle Fragetechnik verwenden, durch die der Gesprächspartner zu dem von Sokrates gewünschten Ergebnis gelenkt wurde und die gewonnenen Erkenntnisse für die eigenen hielt.
Weniger bekannt ist, dass Sokrates stets barfuß lief, da er es für die Gesundheit zuträglicher hielt und dass er für den Stadtstaat Athen mehrmals, folglich barfuß, in den Krieg zog. Dort erlangte er großes Ansehen für seine Fähigkeiten körperliche Strapazen, Hunger, Durst und Kälte erdulden zu können. Darüber hinaus hat er, wie es für Athener Bürger üblich war, allmorgendlich seinen Körper durch gymnastische Übungen und den Ringkampf gestärkt. Sein Schüler Platon hatte als Ringer sogar eine gewisse Berühmtheit erlangt.
Außerdem soll Sokrates als Bildhauer tätig gewesen sein, was sich jedoch nicht klar belegen lässt.

Dieser berühmte Philosoph war also ein vielbeschäftigter Mensch: er war verheiratet, pflegte ein gesellschaftliches Leben, ging einem Lebenserwerb nach und sorgte für Leib und Seele, indem er Sport trieb und der Philosophie nachging.

Wie mag es möglich gewesen sein bei diesem Pensum zusätzlich ein tägliches Trainingsprogramm zu absolvieren? Vor 2500 Jahren wären die Uhren nicht langsamer gelaufen, die Tage folglich nicht länger gewesen.

Das Ideal vom schönen Körper und klaren Geist

Die alten Hellenen haben nicht nur Großes geleistet im Bereich Philosophie, Musik, Literatur, Theater, Wissenschaft, Medizin (Liste bitte beliebig fortsetzen…) Nein, sie waren uns sogar in sportwissenschaftlicher Hinsicht überlegen. Im altgriechischen Denken musste alles einer Logik folgen. Das bedeutete für ein Trainingsprogramm, wenn es nicht zum Erfolg führte, war es nutzlos und wurde verworfen. Somit wurde nach bewährten Programmen trainiert, welche steter Beobachtung unterlagen und bei Bedarf angepasst wurden.

Die Zielsetzung der Athener war das Ideal des Kalokagathia (καλοκἀγαθία, von καλὸς καὶ ἀγαθός- schön und gut), welches in einer wechselseitigen Beziehung zwischen einem starken Körper und einem moralisch guten Geist besteht. Man ging also davon aus, dass durch ein körperliches Training Körper und Geist harmonisch wachsen und einander zu mehr Größe verhelfen.

Die Sportart, die diesbezüglich am angesehensten war und von Frauen wie Männern gleichermaßen praktiziert wurde, war der Ringkampf. Ein guter Ringer genoss hohe Achtung. Wer aber bei den olympischen Spielen gar einen Sieg errang und mit einem Lorbeerkranz gekrönt nach Hause kehrte, hatte finanziell ausgesorgt. Bis heute legendär ist Milos von Kroton (555- 510 v. Chr.), der viermal in Folge die olympischen Spiele gewann.
Der Effekt des Ringkampfes vereint alles, was für die Griechen einen vollwertigen Menschen ausmachte: körperliche Schönheit, Stärke und Ausdauer, Intelligenz und einen klaren Geist.

Somit wurde es als die Pflicht eines jeden Athener Bürgers und dessen Familie angesehen Körper und Geist zu stärken. Und neben dem Ringen gab es noch die Gymnastik als Mittel der Körperertüchtigung. Diese bedeutet übersetzt so viel wie ‚Nacktturnen‘ und bestand aus Übungen, die mit dem eigenen Körpergewicht oder leichten Hanteln ausgeführt wurden. Ziel war es den Körper auf eine harmonische Weise mit rhythmischen Bewegungen, meist sogar von Live-Musik begleitet, kräftig und geschmeidig zu machen. Heutzutage erlebt diese Art des Trainings unter dem ins Englische übertragenen Begriff Calisthenics eine Renaissance. Calisthenics (von καλός „schön“ und σθένος „stark“) könnte man, vom altgriechischen abgeleitet, im Deutschen mit „Schönheit und Stärke“ oder „schöne Kraft“ wiedergeben.

Haltung statt Hanteln

Diese Trainingsmethode hat, in Abgrenzung zum Modernen Bodybuilding, nicht das Ziel dicke Muskeln aufzubauen, sondern starke Muskeln, die ihre Bestimmung erfüllen und den Menschen in gewünschtem Maße bewegen können. Zahlreiche Statuen, für die jemand Model gestanden haben muss, belegen, wie lebendig dieser Gedanke einstmals war.

Ein Vorteil des kalisthenischen Trainings besteht darin, dass alle Übungen immer den gesamten Körper trainieren. Was eine harmonische Entwicklung begünstigt. Dies verschafft zudem eine enorme Reduktion der Trainingszeit, da man sich weder auf bestimmte Muskeln konzentrieren muss, noch auf gewisse Trainingsziele wie Kraft oder Ausdauer. Sogar die nötige Trainingshäufigkeit wird gesenkt, weil das Zentrale Nervensystem durch gleichzeitige Anforderungen an Kraft, Ausdauer, Gleichgewichtssinn und Koordinationsvermögen stark beansprucht wird und eine längere Regenerationszeit förderlicher ist als eine häufigere Trainingsbelastung.

Zusammenfassend gesagt trainiert ein Mensch durch kalisthenisches Training:

– Körperkontrolle
– Körperliche Fähigkeiten
– Gefühl der Selbstwirksamkeit
– Kraft
– Beweglichkeit
– Dehnung
– Herz-Kreislauf-System
– Organtätigkeit
– Ausdauer
– Konzentrationsfähigkeit
– Koordination
– Gleichgewichtssinn
– Erhöhung der Stoffwechselrate
– Fettstoffwechsel
– Intelligenz

Intelligenz? Das typische Vorurteil ist doch „Bodybuilder- nur Muskeln, kein Gehirn“ (Zitat aus dem Film Outsiders). Die kalisthenischen Übungen sind in sich sehr komplex, da man sich auf viele Faktoren gleichzeitig konzentrieren muss. Hinzu kommt, dass die Übungen erlernt werden müssen. Zunächst wird ein Bewegungsablauf verinnerlicht, dann verstanden und schließlich kann er bewusst durch gezielte Muskelkontraktionen oder Veränderungen von Winkeln gesteuert werden. Die Voraussetzung dafür ist, dass wir eine neuromuskuläre Verknüpfung bilden. Das bedeutet, unser Gehirn legt Synapsen an um eine unmittelbare Verbindung zu den geforderten Muskeln zu schaffen. So entstehen neuronale Netzwerke, sinnbildlich gesprochen Karten, über die unser Gehirn effizienter arbeiten kann. Diese erst durch die modernen Neurowissenschaften mögliche Erkenntnis erklärt, dass die alten Griechen einen Zusammenhang zwischen einem Training des Körpers und einer daraus resultierenden verbesserten Geistestätigkeit sehen konnten.

Wie aber ist es nun zu schaffen ein derart archaisches und komplexes Trainingssystem in den Alltag eines modernen Unternehmers zu packen? Ziemlich einfach, wenn wir die erwähnte Live-Musik weglassen!

Einfach. Klug. Trainieren.

Um unseren Oberkörper zu trainieren benötigen wir im Extremfall lediglich vier Übungen: Handstand, Klimmzüge, Liegestütze, Rudern. Für die Beine reicht sogar eine Übung aus, wenn wir nur genug Kniebeugen machen. Schließt man das Training mit einer Brücke ab, verwendet man zudem die Übung, die Oberkörper mit Unterkörper verbindet und die Wirbelsäule, sowohl stark, als auch geschmeidig macht.  Korrekt ausgeführt stärkt man mit diesen sechs Übungen sämtliche großen Muskelgruppen, aber auch jene kleinen, schwachen, versteckten, für die es heutzutage in den Fitnessstudios spezielle Kurse gibt, wie Beckenboden, innere Bauchmuskeln, Rückenstrecker. In der modernen Fitnesssprache gesprochen, den Core.
Dieser wird auch dann gestärkt, wenn statt der genannten Übungen nur deren leichtere Vorübungen absolviert werden. So hat ein jeder die Möglichkeit sich Zugang zu diesem hervorragenden Trainingssystem zu schaffen, ungeachtet des temporären Leistungsstandes. Wie eine Kette nur so stark ist wie ihr schwächstes Glied, passt sich der Körper harmonisch, sich als Einheit erfahrend, an die Trainingsbelastung an und die Leistungen können stetig gesteigert und Erfolge gefeiert werden.
Absolviert man die Oberkörperübungen nach dem Prinzip von alternierenden Sätzen oder gar Supersätzen, erfährt der Agonist eine Pause, während der Antagonist arbeitet und dadurch den Agonist in Bewegung hält. Durch diese „Aktivpause“ wird der Agonist besser durchblutet, also mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt, regeneriert somit schneller und kann in kürzerer Zeit mehr leisten. Dies wiederum bedeutet, dass unser Herz-Kreislauf-System stärker gefordert wird, was in einer Verbesserung unserer Ausdauer resultiert. Im Gegensatz zu gewöhnlichen Ausdauersportarten wie Laufen, Schwimmen, Radfahren werden die Muskeln nicht im mittleren Bewegungsbereich trainiert, sondern in ihrem vollen Bewegungsradius. Die Folge ist eine größere Dehnung der Muskelfasern und damit eine Verbesserung der Beweglichkeit. Des Weiteren werden durch die Dehnung mehr Muskelfasern aktiviert, was mehr Energie verbraucht und so die Fettverbrennung anregt und gleichzeitig das Potential zu Kraft- und Muskelaufbau erhöht.
Im Hinblick auf das Beintraining durch Kniebeugen wird der Zusammenhang hinfällig. Bei unseren Beinmuskeln liegt eine Paradoxie vor, wonach Agonist und Antagonist nicht im Wechselspiel, sondern gleichzeitig arbeiten. Daher stellt Beintraining durch Kniebeugen einen noch leichteren Weg dar zur Erhöhung der Stoffwechselrate und damit allen anderen positiven Effekten des kalisthenischen Trainings.

Im Sinne Sokrates‘ sollten die Kniebeugen barfuß ausgeführt werden. Der Effekt darin ist eine Stärkung von Fußgewölbe und Fußgelenken. Dies ist die Voraussetzung für einen gesunden Bewegungsapparat und eine gesunde Wirbelsäule. Was wiederum zu einem effektiveren Training führt, das uns Wohlbefinden und Gesundheit bereiten kann.

Mehr Kraft. Für mich.

Ein schöner Nebenaspekt von Calisthenics ist die Verbesserung des Selbstbewusstseins. Dieses Training führt nicht zu einer Entfremdung vom Körper indem man Maschinen bewegt, sondern es eint Körper und Geist. Es verleiht neuen Mut dank der gewonnen Fähigkeiten sich auf vielfältige Weise in der Welt zu bewegen.

Laut Sokrates ist das Schöne die Wohnung des Guten. In diesem Sinne ist Kalokagathia ein Bildungsideal, das einen im moralischen Sinne hochwertigen Menschen zum Ziel hat. Doch auch weniger hehre Ziele, wie persönliche Zufriedenheit und individuelles Glück können so leicht geschaffen werden.

2 Comments on “Kalokagathia- Das Ideal zur Vollkommenheit

  1. Toller Artikel Jan, schön und verständlich geschrieben und die Information ist gut umsetzbar 🙂 Mehr davon!

  2. Pingback: …and in walked the Hindoos – Jan Markus Adams

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