Die Zeit mit Leben füllen

Eine kurze Betrachtung der eigenen Endlichkeit und des Glücks durch das Streben nach Glück

Von Jan Adams (geschrieben am 14. 01. 2020)

Was tätest du an deinem letzten Tag? Sisyphos würde einen schweren Stein auf einen Berg rollen.

Beim Ausmisten angesammelter Zeitungsartikel der letzten Jahre fiel mir ein Artikel in die Hände, in dem ein Karriereberater vorgibt zu erklären, warum man im Angesicht seines eigenen Todes angeblich die besten Entscheidungen trifft. Der Titel lautete „Was tätest du an deinem letzten Tag“. Ein Großteil des Artikels besteht aus einem Zitat, das einer Rede Steve Jobs‘ entnommen wurde, die er am 12. Juni 2005 vor Studenten in Stanford hielt:

„Als ich 17 war, las ich ein Zitat, das ungefähr so klang: Wenn du jeden Tag so lebst, als wäre es dein letzter, wird es höchstwahrscheinlich irgendwann richtig sein. Das hat mich beeindruckt und seit damals, in den vergangenen 33 Jahren, habe ich jeden Morgen in den Spiegel geschaut und mich selbst gefragt: Wenn heute der letzte Tag in meinem Leben wäre, würde ich das tun, was ich mir heute vorgenommen habe zu tun? Und jedes Mal, wenn die Antwort nein war für mehrere Tage hintereinander, wusste ich, ich muss etwas verändern.

Mich zu erinnern, dass ich bald tot sein werde, war für mich das wichtigste Werkzeug, das mir geholfen hat, all diese großen Entscheidungen im Leben zu treffen. Denn fast alles- alle äußeren Erwartungen, der ganze Stolz, die ganze Angst vor dem Versagen und der Scham- fällt einfach weg angesichts des Todes und lässt nur übrig, was wirklich wichtig ist. Sich zu erinnern, dass man sterben wird, ist der beste Weg, den ich kenne, um der Falle zu entgehen und zu glauben, man hätte etwas zu verlieren. Du bist vollkommen nackt. Es gibt keinen Grund, um nicht seinem Herzen zu folgen.“

Ich weiß noch, dass ich den Artikel aufbewahrt habe, weil er etwas in mir angestoßen hatte.  Allerdings konnte ich die Tiefe damals noch nicht erkennen, sondern  hatte wohl nur ein verklärtes Freiheitsträumen im Sinn.

Als ich an jenem Abend nach dem Durchforsten der Artikelsammlung lesend am Küchentisch saß, ein Bier trank und meine Gedanken auf den Klangwellen der malayischen Punkrock-Band ‚Breakout‘ surften, dachte ich zunächst, dass es sich um einen spannenden Gedanken Jobs‘ handelte. Ich sinnierte, wie ich wohl im Hinblick auf meine bevorzugte Lebensführung fühlen und handeln würde. Allerdings kam ich immer wieder an den Punkt der Machbarkeit: das Abwägen von Zielen, Träumen und Wünschen mit den entsprechenden Voraussetzungen und Bedingungen. Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: der Vorsatz ist für die meisten Menschen vollkommener Unsinn.

Gefährlicher Nihilismus

Das Zitat ist eng verwandt mit der Aussage einer jungen Punkerin, die ich mal im SPIEGEL gelesen habe, die den Lebensstil der Frau und ihrer Clique erklären sollte, der aus Rumhängen und Saufen bestand: „Lebe heute, denn morgen kannst du tot sein.“

Wenn man täglich so leben will, als ob es der letzte Tag wäre, ist es ein enormer Unterschied ob ein Mensch Talente und Interessen hat, die ihn zu einem Milliardär werden lassen und einem Menschen, wo derartige Voraussetzungen zur wirtschaftlichen Absicherung fehlen. Die wenigsten Menschen sind mit Begabungen gesegnet, die ein gutes Auskommen sichern. Die wenigsten Menschen sind mit einem Geist gesegnet, der es ihnen ermöglicht zehn Minuten untätig auf den Bus zu warten. Wofür sollte man leben, wenn man nichts hat, wofür es zu leben lohnt?

Das edle Streben

Als ich 17 war, hatte ich mich bereits zwei Jahre lang sehr intensiv mit der Lehre von Siddharta Gautama, besser bekannt als ‚Buddha‘, befasst. Ein elementarer Bestandteil ist das Denken an den Tod und ganz gezielt die Praxis einer Übung, bei der man in jeder freien Minute daran denkt, dass jeder Atemzug der letzte sein kann. Die Vorstellung, diese Übung zu praktizieren bereitete mir lange Unbehagen, bis ich mir mit 17 schließlich ein Herz fasste und mich daran wagte. Im Laufe einiger Wochen wurde ich mit dem Gedanken an meine Endlichkeit vertraut, bis schließlich mein 18. Geburtstag nahte und ich mir vor Augen führte, dass ich diesen theoretisch nicht erleben könnte. Ich hielt mich für abgeklärt genug auch diesen Gedanken zuzulassen, als ich eines Tages ein Erleuchtungserlebnis hatte:  ich erkannte, dass diese Praxis zu Passivität führt (was im Kontext der Lehre des Buddha kohärent und gewollt ist). Wenn man nichts zu erwarten hat, braucht man nichts leisten. Wenn man nichts leistet, braucht man nichts erwarten. Ich aber wollte viel leisten und ich wollte viel erwarten. Ich wollte leben und ein Leben führen, aktiv sein und nicht passiv.

Also traf ich die Entscheidung Leid, Kummer und Unbill zu erdulden und zu überstehen, während ich für mein Glück arbeite und kämpfe. Dabei sollte es gleichgültig sein, in welchem Maße ich dieses „Glück“ erlange, weil ich aus dem Streben und Schaffen Befriedigung, Freude und Glück ziehe.

Alles, was mir am Herzen liegt, ist in einen Prozess eingebunden, das Wohl meiner Familie, die persönliche Entwicklung durch mein Training, Freude an Musik und Literatur, wertschätzende zwischenmenschliche Beziehungen, unternehmerischer Erfolg,  ein leckeres Abendessen, ein Feierabendbier.

In diesem Sinne ist es unerlässlich Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen und das zuweilen auch über längere Zeiträume. Das Erreichen höherer Ziele erfordert gewisse Opfer und damit ist vielleicht nicht jeder Tag als solcher ein guter Tag zum Sterben. Vielleicht aber doch, aufgrund des Wissens warum der Tag so war, wie er war.

Es mag eine gute Frage sein, ob man einen Tag so verleben will, wie er sich morgens abzeichnet. Allerdings sollte sich auch die Frage dazugesellen, was man möglicherweise auf dem Sterbebett bereuen könnte. Die Erkenntnis nicht alles gegeben zu haben mag schwerer wiegen, als die Erinnerung an Tage, die nicht so toll waren.

Darüber hinaus liegt im Sinne selbsterfüllender Prophezeiungen die Mutmaßung nahe, ob das Erwarten der eigenen Endlichkeit diese vielleicht sogar begünstigt.

“I refuse to get sick, I refuse to get old, I refuse to die. “ (Joseph L. Greenstein)

Wrestler’s Bridge at Mainzer Sand, April 2018

 

 

 

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