Was will Selbstoptimierung wirklich?

Eine alternative Betrachtung für mehr Lebensfreude

von Jan Markus Adams

“Erkenne dich selbst!” (Inschrift am Apollotempel von Delphi)

Selbstoptimierung ist heutzutage ein geflügeltes Wort. Es bezeichnet ein Verhalten, durch das man die eigene Außenwirkung verbessern will. Personal Trainer werben mit “Figuroptimierung”, Nahrungsergänzungsmittelhersteller versprechen “bessere Performance” durch die Einnahme ihrer Produkte, Pharmakonzerne entwickeln Hormonpräparate um das Mannsein oder Frausein zu verbessern. Ich muss dabei immerzu daran denken, dass eine Maschine in ihrer Funktionalität verbessert werden soll…

Die Beweggründe sind allesamt extrinsische Motivatoren. Man setzt sich in eine Beziehung zur Außenwelt und erstrebt größtmögliche Anerkennung. Das Weltbild muss dafür egozentrisch sein und durch stetes Üben wird diese Persepktive verstärkt werden. Das geschehen und Verhalten anderer Menschen wird zunehmend auf einen selbst bezogen. In der Psychotherapie steht dieses Verhalten in maßgeblichem Zusammenhang mit Schizophrenie, Paranoia, Depressionen und Angstzuständen.

Wäre es da nicht wunderbar, intrinsische Motivatoren zu benennen und sich um seiner selbst willen zu verbessern? Einfach nur um mehr Lebensfreude fühlen und teilen zu können?

Epikur und der Hedonismus

“Wer nicht genießen kann, ist ungenießbar.”                   (Dr. Manfred Lütz)

Epikur ist einer der am meisten und am liebsten falsch verstandenen Philosophen. Seine Lehre vom Hedonismus wird gerne mit “Genusssucht” übersetzt. Kirchenvertreter nannten ihn zuweilen den Schweinepriester, weil er Tiere lieber in seinem Garten frei herumlaufen ließ, statt sie zu mästen und aufzuessen. In Stefanie Stahls SPIEGEL-Bestseller “Das Kind in dir muss Heimat finden” stellt die Psychotherapeutin den Hedonismus in direkten Zusammenhang mit diversen psychischen Störungen. Passenderweise übersetzt sie das antike griechische Ideal “Eudaimonie” falsch, so dass ihre Erläuterung dazu sogar Sinn ergeben kann.

Was aber besagt die Lehre Epikurs’?

Von Epikur sind nahezu keine Schriften erhalten, so dass wir uns seine Lehre aus Briefen und Berichten über ihn erschließen müssen. Der Name ‘Hedonismus’ leitet sich vom griechischen Wort für Lust, Freude (ἡδονή, sprich: Hèdonè) ab.

Es geht darum die Lust an die erste Stelle des Handelns zu setzen. Hier tritt bei vielen Menschen der Denkfehler ein: die Neuronen feuern “Zeter und Mordio” und lassen uns den Untergang des Abendlandes befürchten, weil ja niemand mehr arbeiten würde, wenn jeder nur noch machen würde, wozu er oder sie Lust hat. Und dann auch noch der Sittenverfall…

Würde jeder nur noch machen wozu er oder sie Lust hat, würden sich die Menschen sehr schnell langweilen und depressiv auf der Couch liegen. Das hat bereits Epikur erkannt.

Also zielte Epikur darauf ab eine Kultur des Lustgewinns zu entwickeln. Die Voraussetzung dafür ist es, den eigenen Geist zu kultivieren. Das muss jeder Mensch alleine tun, da jeder andere Wünsche und Bedürfnisse und somit andere Bedingungen für ein Lustempfinden hat. In der modernen Welt ist es für viele Menschen ein Genuss mit ihrer Playstation zu spielen, andere hingegen schwelgen in den höchsten Sphären wenn sie mit einem Vorschlaghammer auf einen Traktorreifen schlagen.

Ganz gleich, worin der individuelle Lustgewinn besteht, er muss von jedem selbst reguliert werden. Wird die jeweilige Tätigkeit im Übermaß betrieben, werden wir ihr ganz schnell überdrüssig und haben das Ziel verfehlt. Ähnlich wie Aristoteles in seiner Lehre vom rechten Maß, empfiehlt auch Epikur das Maßhalten. Für ihn war die Philosophie ein Quell der Lust und so empfahl er, nicht im Übermaß zu studieren, um den Geist nicht zu erschöpfen, sondern neugierig und offen zu bleiben.

Ebenso verhält es sich mit dem Essen. Würden wir dreimal täglich unser Lieblingsessen zu uns nehmen, wäre es höchstwahrscheinlich bereits am Abend schon nicht mehr unser Lieblingsessen. Folglich bevorzugte Epikur schlichte Mahlzeiten bestehend aus Brot, Käse und Wasser.

Wenn es uns gelingt eine Geisteshaltung zu kultivieren die das Genießenkönnen als einen Wert an sich verinnerlicht, wird es möglich, auch unagenehmen Tätigkeiten Positives abzugewinnen. Wir trainieren unser Gehirn dazu, das Angenehme zu finden und zu schätzen. Situationen sind nicht gut oder schlecht, sondern gut und schlecht, abhängig davon, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten.

 Der mentale Zustand, den wir so erlangen können, wurde von den alten Griechen ‘Eudaimonie’ (von ‘εὐδαιμονία’) genannt. Der Begriff bedeutet sinngenmäß übersetzt soviel wie, ‘von einem guten Geist beseelt zu sein’ oder ‘guten Geistes zu sein’ und steht mit vollendeter Seelenruhe (Ataraxie, ἀταραξία) in unmittelbarem Zusammenhang.

Anders als gerne behauptet ging es Epikur nicht darum sich dem Exzess hinzugeben und in Wollust zu schwelgen. Seine Argumentationsstruktur erinnert stattdessen zuweilen an Texte aus dem Pali-Kanon des Buddhismus Nach heutigen Vorstellungen steht seine Lehre dem  Achtsamkeitstraining nahe. Er strebte eine Bewusstheit im Leben an, die es einem erlaubt aus sich heraus glücklich zu sein und keine Gefühle des Leidens aufkommen zu lassen. Passend dazu ist der Ausspruch des chinesischen Wanderlehrers Konfuzius:

“Was gibt es Schöneres als nach einem leichten vegetarischen Mahl und einem Schluck Wasser auf zurückgebeugtem Arme zu ruhen! Macht und Reichtum hingegen, die nicht ehrlich erworben wurden, erscheinen mir wie vorüberziehendes Gewölk.”

Csikszentmihalyi und der Flow

“Falls die Musen erscheinen sollten, ist es besser, wenn sie dich bei der Arbeit antreffen.” (Pablo Picasso)

Der ungarische Psychologe Mihalyi Csikszentmihalyi hat in seiner Forschung herausgearbeitet was es braucht um Glück empfinden zu können. Dabei hat er einen Zustand herausgearbeitet, den er als ‘Flow’ bezeichnet hat. Am leichtesten lässt sich dieser Zustand mit dem Beispiel spielender Kinder darstellen. Sie sind in ihrer Welt, leben im Augenblick und haben die Ich-bezogenheit losgelassen. Sie sind in einem Zustand der Selbstvergessenheit. 

Csikszentmihalyi hat diverse Faktoren herausgestellt, die ein Kind erlernt haben muss um flow-fähig zu sein. Er hat jedoch auch deutlich gemacht, dass Erwachsene sich diese Fähigkeiten nachträglich aneignen können.

Dazu ist es notwendig aktiv zu sein. Tätigkeiten wie Fernsehen sind kaum dazu geeignet in einen Flow zu kommen. Kreatives Arbeiten und körperliche Betätigung hingegen sind in höchstem Maße Flow erzeugend.

Man gelangt zuverlässig in den Flow, wenn eine Aktivität ausgeübt wird, die man so gut beherrscht, dass man nicht über ihre Ausführung nachdenken muss, sondern sich dem Tun hingeben kann. Dies hat zweierlei Vorteile, zum Einen befindet man sich im Flow, was einfach ein unglaublich gutes Gefühl ist, zum anderen wird man immer besser in der ausgeübten Tätigkeit, was wiederum die Flowfähigkeit steigert.

Wir werden immer besser darin, das zu tun, was wir häufig tun.

Besonders glücklich sind, laut der Forschung Csikszentmihalyis, jene Menschen die sich Herausforderungen stellen und diese meistern; die ein aktives und einfaches Leben führen. Und eben dieser letzte Punkt mag eine sprachliche Feinheit sein, ist jedoch umso bedeutender: man muss das Leben führen! Wer sich als Spielball des Lebens versteht, hat keine Möglichkeit Verantwortung zu übernehmen und tätig zu werden. Versteht sich ein Mensch hingegen als Schöpfer des eigenen Lebens und Schmied des eigenen Glücks, vermag dieser die Umstände zuweilen zu gestalten und sich als glücklichen Menschen wahrzunehmen.

“Meine Mutter sagte, wenn ich Soldat werde, würde ich Offizier werden; wenn ich Mönch werde, würde ich Abt werden. Aber ich bin Maler geworden und so wurde ich Picasso.” (Pablo Picasso)

 

Das gute Leben

“Das Dasein ist köstlich. Man muss nur den Mut haben sein eigenes Leben zu führen.” (Giacomo Casanova)

Verstehen wir den Begriff Selbstoptimierung als eine Tätigkeit, die der Verbesserung unseres Lebens dient, kann sie zum Lebensglück beitragen. Entscheidend ist dabei, dass wir uns selber verstehen und erkennen was wir wollen.  Dann können wir unser Leben entsprechend gestalten und selbständig Glücksmomente schaffen.

Etymologisch gesehen handelt es sich bei ‘Selbstoptimierung’ um einen Prozeß mit dem Ziel das ‘Selbst’ oder ‘Ich’ immer besser werden zu machen. Statt Hormorne zu nehmen um das Mann-sein oder Frau-sein zu verbessern, ist es zielführender sich zu fragen, “was will ich?”, um so das Ich-sein verbessern zu können.

” Was immer du tun kannst, oder träumst es tun zu können, fang damit an! Mut hat Genie, Kraft und Zauber in sich!” (Johann Wolfgang von Goethe)

 

 

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